So
04
Dez
2011
Da gibt´s kunst-handwerklich nichts zu meckern: "Shakespeares Sonette" ist erstklassig gemachtes Theater, das darauf angelegt ist, nahezu jeden Typus halbwegs gebildeter Zuschauer zu erfreuen. Und genau da liegt das Problem. Ich habe als Konsument kaum irgendeine Arbeit zu leisten; falls ich für irgendetwas zu doof sein sollte, wird´s mit höchster Kunstfertigkeit flink unter die Kategorie "lässlich" einsortiert. Die Show braucht den Zuschauer nicht, nur seine Zustimmung.
Die darstellerischen Leistungen sind von erlesener Qualität, das Licht leuchtet wundervoll, die Schatten tanzen anmutig, der Band steht ein recht reinlich intonierendes Streichquartett (Isang Quartett) zur Seite. Die z.T. aufwendigeren Bühnenumbauten werden von Georgette Dee locker wegmoderiert, auf Scherze wie "oh, das ist Hollywood!" (nach Klingel aus dem Off, d.h.: Umbau beendet) reagiert das Publikum begeistert.
Die Musiken richten kaum Schaden an (für jeden was dabei, für fast niemand etwas Ärgerliches), auch laut genug ist´s, selbst für Zuhörer, die sich durch lautheitsoptimierte Musik im sonstigen Leben schon einen Teil ihrer Hörfähigkeit weggeblasen haben. (Natürlich hört man auch die Texte der wirklich gut sprechenden Schauspieler nicht von der Bühne, sondern von der dem jeweiligen Zuhörer nächstpositionierten Lautsprechergruppe.)
Wirklich großes Vergnügen bereiten aber doch die körpersprachlich teils köstlich abstrus agierenden Darsteller; insbesondere Jürgen Holtz (Elisabeth I & II), Ruth Glöss (Fool), Georgios Tsivanoglou (Cupid), Katharina Susewind (Boy); und natürlich beeindruckt Inge Keller als Sheakespeare. Das gesamte Ensemble überzeugt mit Witz und Präzision.
(Fast) alles großartig gemacht, gekonnt dargeboten, weitgehend unschädlich und medienaffin stromlinienförmig. Vielleicht sollte man nicht vorher Marthalers "subpolares Basislager" (s.u.) gesehen und gehört haben. Tja, und der special guest Shakespeare? Bei so schlagkräftigem Theaterhandwerk hätten es auch Texte von Bob Dylan, den Beach Boys oder Kafka sein können, die Show hätt´s nicht gestört.
All dessen müd ...
So
04
Dez
2011
Aus vorhandenen Vorlagen realisiert TESTE FOUNDATION einen Teil der auf insgesamt 24 Stunden angelegten Arbeit "Expanded Animation"des 2001 verstorbenen "Bildermachers" Paul Yederbeck. Die kinematografische Installation (Panorama-Projektion, 12-Kanal-Video, IOSONO Sound) bietet 12 etwa 5-minütige Teile (also ca. eine Stunde) aus dem vorliegenden Material . Sowohl optisch als auch akustisch ist dies ein höchst beeindruckendes Erlebnis. Dass der teils feinsinnige, teils rabiate Humor der Stücke einem in quasi-sakraler Ehrfurcht verharrenden Publikum nur zurückhaltend schmunzelnde Reaktionen entlocken konnte, ist gewiss weder dem toten Künstler noch den Ausführenden der Installation anzulasten. Vielleicht ist die Fülle der Sinneseindrücke einfach zu gewaltig; vielleicht liegt´s auch daran, dass der Zuschauer / -hörer bei einer 360-Grad-Bespielung veranlasst ist, sich ständig um sich selbst zu drehen. Ein amüsiert genießendes Aufnehmen des Dargebotenen ist eventuell eher möglich, wenn nach der heutigen - sehr stark frequentierten - Eröffnung der Raum weniger großem Andrang ausgesetzt sein wird (obwohl den Produzenten weiterhin viel Publikum zu wünschen ist). Schon um dieses auszuprobieren, werde ich wohl nochmals das - auch ansonsten reizvolle - Gelände in der Schiffbauergasse Potsdam aufsuchen und empfehle es dem Leser ebenfalls.
Die Installation und die Ausstellung zu Paul Yederbeck ist vom 4. Dezember 2011 bis zum 15. Januar 2012 dienstags bis sonntags jeweils 12:00 Uhr bis 18:00 Uhr geöffnet, auch am 1. und 2. Weihnachtsfeiertag und am 1. Januar.
Schinkelhalle und Kunstraum Potsdam
Schiffbauergasse 4a und 4d
Informationen:
www.kunstraumpotsdam.de
www.testefoundation.org
Sa
03
Dez
2011
Wer irgend Zeit finden kann, sich umwerfend subtiles (gibt´s sowas?) Theater anzuschauen, der möge die Gelegenheit unbedingt wahrnehmen: Marthalers neue Produktion hat zwar ein paar ungeduldige Zuschauer aus den Sesseln vertrieben, mich und viele andere jedoch vom Hocker gerissen. Dies ist allerfeinstes (aber auch recht anspruchsvolles) Musik-Theater, das den Hörer nicht mit fast food abspeist.
Mit: Marc Bodnar, Raphael Clamer, Bendix Dethleffsen, Rosemary Hardy, Ueli Jäggi, Jürg Kienberger, Gazaalung Qaavigaq, Sasha Rau, Bettina Stucky, Nukaka Coster Waldau
Inszenierung: Christoph Marthaler
Bühnenbild / Kostüme: Anna Viebrock
Dramaturgie: Stefanie Carp
Die Inszenierung näher zu beschreiben, sehe ich mich nicht befugt, das muss man schon selbst anschauen / -hören!
Erneut zu sehen vom 14. bis 17. Dezember 2011 in der Volksbühne
Sa
03
Dez
2011
Das vom Verein der Freunde und Förderer des Musikinstrumenten-Museums Markneukirchen herausgegebene Buch über den bedeutenden Gitarrenbauer Richard Jacob (Weissgerber ist der Markenname seiner Instrumente) besticht durch sachkundige Information zum Gitarrenbau allgemein und der Produktion Richard Jacobs im Besonderen. Die über das gesamte Buch verteilten zahlreichen Fotos und historischen Dokumente gewähren Einblicke (und emotionalen Zugang) zur Kunst des Gitarrenbaus, sind hilfreich zum technischen Verständnis des Handwerks und zeigen die frappierende Vielfalt des Jacob´schen Gitarrenbaus auf. Die Texte, jeweils halbseitig in Deutsch und Englisch, sind gut lesbar und sorgfältig redigiert. Richard Jacobs Arbeitsbücher und Rezeptsammlung (mehr als fünfzig Seiten, mit Faksimiles) sind editorisch ebenso interessant aufbereitet wie der Katalog von 1935 und die Beschreibungen der einzelnen Instrumente der Weissgerber-Austellung in Markneukirchen im Jahre 2010. Zusätzlich bieten mehr als einhundert Bildtafeln Gesamt- und Detailansichten seiner Instrumente, was im Anhang durch Tabellen der technischen Daten und Maße der verschiedenen Gitarren ergänzt wird.
Insgesamt ein wahrlich erlesenes Buch, das nicht nur Gitarristen und Instrumentenbau-Begeisterte mit seinen 462 Hochglanz-A4-Seiten mehr als nur einmal zur Hand nehmen werden.
Anmerkung in eigener Sache: an der Herstellung des Buches waren wir - tonus arcus - nicht beteiligt, wer aber beim Lesen, Schauen und Blättern auch noch zum Hören Lust hat, sei auf die von uns produzierte CD mit Weissgerbergitarren, gespielt vom Autor des Buches, verwiesen.
Beides, Buch und CD, ist erhältlich beim oben erwähnten Verein der Freunde und Förderer des Musikinstrumenten-Museums Markneukirchen und beim Autor Christof Hanusch.